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Tierhalter reiben sich die Augen, mit welcher Kritik und welcher Besserwisserei sie derzeit im Hinblick auf das Tierwohl konfrontiert werden. Woher das kommt und warum es uns noch lange erhalten bleibt, analysiert Peter Kunzmann.

Gute Tierhaltung verlangt ein hohes Maß an Sachkunde, Wissen über Zucht, Ernährung, Haltungsumgebung und Management von Tieren. Das ist Ihnen als Landwirt klar. Umso verblüffender ist: Gerade bei diesem komplexen Thema trauen sich erstaunlich viele Nicht-Profis mit großer subjektiver Sicherheit ein Urteil zu, wie »gute« Tierhaltung auszusehen hat.
Zeigen Sie jemanden einen Motor und fragen ihn nach seinem Urteil, wird er vermutlich antworten, dass er sich damit nicht auskennt. Zeigen Sie einer beliebigen Gruppe von Zeitgenossen ein Bild aus irgendeiner Tierhaltung, wird sich kaum jemand eines Urteils enthalten. Da wissen alle, wie so etwas aussehen muss und was gar nicht geht. Somit stellt sich die Frage, worin diese scharfe Kritik der Tierhaltung begründet ist und wie Sie damit umgehen können.

Überlegungen für einen Erklärungsversuch.

Zwar geht es bei der Debatte um Formen der Landwirtschaft. Die wesentlichen Perspektiven resultieren aber aus einer veränderten Deutung der Verhältnisse zwischen Menschen und Tieren überhaupt. Hier wird schon ein erster Streitpunkt sichtbar, nämlich ein Streit um die Deutungshoheit. Ganz besonders beim Nutztier verlassen sich alle Anspruchsgruppen darauf, dass sie wissen, was gut für die Tiere ist: Die Tierhalter tun das mit Berufung auf ihre Erfahrung. Sie stehen schließlich jeden Tag im Stall, es sind ihre Tiere, mit denen sie seit Jahren zu tun haben. Die Tierärzte beanspruchen Deutungshoheit aufgrund der wissenschaftlichen Sachkenntnis aus ihrem langjährigen Studium. Die organisierten Tierschützer tun es mit Hinweis darauf, dass sie im Unterschied zu den Erstgenannten keine eigenen Interessen verfolgen, die mit denen der Tiere kollidieren. Wenn jemand also unparteilich urteilen kann, dann doch sie. Und schließlich können auch interessierte Zeitgenossen mitreden, weil ihre Omas »noch Hühner gehalten« haben.

Für die akute Streitlage gilt damit:

Die fachliche Kompetenz für eine reale Verbesserung der Tierhaltung wird ein wichtiges Gut bleiben; die Anerkennung dieser Kompetenz wird vermutlich ein zunehmend knappes Gut werden. Sie wird nicht notwendigerweise den Tierhalter zugesprochen – darauf müssen Sie sich einstellen. Die selbstbewusste Haltung der Landwirte, allen anderen die Kompetenz abzusprechen, wird außerhalb der Branche nicht funktionieren. Dass eine Gruppe auf ihre Kompetenz pocht, muss die anderen nicht überzeugen und wird es auch nicht.

Der Kampf um die Deutungshoheit ist so neu nicht.

Neu ist aber der Stellenwert von Tier und Tierschutz. Tiere sind nachweislich zu einem Megathema westlicher Gesellschaften geworden. Es ist die Rede von einer »Wende zum Tier«. Tiere werden zu einem bevorzugten Thema etwa auch in der Literaturwissenschaft und der empirischen Kulturwissenschaft. Die Rechtswissenschaft an der Universität Basel hat ein gut ausgestattetes Kolleg zum Thema »Recht und Tiere« eingerichtet, die Uni Kassel trägt ein Projekt zum Thema »Mensch-Tier-Gesellschaft« unter Beteiligung von Kunstgeschichte, Germanistischer Mittelalterforschung, Theologie und anderen Fachbereichen. Die Theorien der beiden wichtigsten Tierethiker, Peter Singer und Tom Regan, gehören mittlerweile zum Bildungsgut der Absolventen in den Geisteswissenschaften.

Die Breite der wissenschaftlichen Bearbeitung ist zwar kein Garant dafür, dass das Thema bleiben wird, aber es ist ein Indiz: Das Thema »Tier« treibt die Menschen offenkundig in einem bisher unbekannten Maße um. Sowohl die Tiefe als auch die Breite der Diskussionen lässt es als sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass der »Hype« um die Tiere vorüberzieht. Die Rolle der Haustiere und der Wissenschaft. Gegen das Abflauen dieses Megathemas spricht auch, dass Haustiere einen vollkommen anderen Stellenwert im Leben vieler Menschen angenommen haben. Sie haben eine andere Vorstellung von dem entwickelt, was Tiere sein können oder sollen. Haustierbesitzer machen ihre Erfahrungen mit Tieren als Familienangehörige und Hausgenossen und sehen in ihnen intelligente, empfindsame Wesen mit Bedürfnissen. Unterstützt wird der veränderte Stellenwert der Tiere von vielen kleinen und großen Strömungen in Kultur und Wissenschaft, die zusammenfließen in eine mächtige Bewegung.

Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Theorien prägen in mehr oder weniger populärer Form das heutige Denken mit. Dazu gehören vor allem die Evolutionstheorie und die Kognitionsforschung. Die Zeichen deuten auf einen mächtigen Wandel des menschlichen Selbstbildnisses, der daher rührt, dass viele Menschen den Unterschied von Mensch und Tier nicht mehr sehen. Sie finden es offenkundig akzeptabel, sich selbst als ein Säugetier wie viele andere auch zu verstehen und deuten sich in Gleichheit, in einem einzigen Horizont mit dem Tier.

In der Vergangenheit hatte das abendländische Denken den Vergleich zum Tier genutzt, um die Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfungsordnung herauszukehren. Eine Sonderrolle, die heute heftig bestritten wird. Denn die Funde der Kognitionswissenschaftler legen beispielsweise die Annahme nahe, dass die Tiere nur graduell verschieden von uns sind: Dinge, wie Empfindungen, Bedürfnisse, Denken und Sprache, die früher exklusiv dem Menschen zugeschrieben wurden, lassen sich so oder so ähnlich auch bei Tieren finden.
Auch wenn solche Thesen hier nicht verfochten werden sollen – ist der Gedanke völlig abwegig, dass eine Gleichstellung des Tieres für jene Menschen plausibel wird, die im Umgang mit ihren Haustieren eine »Du-Evidenz« erleben, wie das Konrad Lorenz genannt hat? Für diejenigen, die mit ihren Tieren fühlen und die sich von ihnen verstanden fühlen? Es sind, sehr grob gesagt, vielleicht gerade diese Menschen, die jetzt die Stalltüren aufreißen und sehen wollen, was dort mit den Tieren passiert.

Die Nutzung der Tiere ist unsichtbar geworden.

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft über Jahrzehnte immer mehr Vorgänge aus ihrer Lebenswelt verbannt hat, die mit der Nutzung von Tieren zu Nahrungszwecken verbunden sind. Zum Beispiel dadurch, dass es keine Schlachthöfe mehr in den Städten gibt. Überhaupt: Es gibt kaum mehr Erfahrung mit Nutztieren, nur mit ihren Produkten. Jetzt plötzlich interessieren sich die Menschen wieder dafür, aber eben mit einem ganz anderen Bild von dem im Kopf, was ein Tier überhaupt ist. Es hat keinen Sinn, diese Bilder als naiv zu bekämpfen. Weder sind sie das – auch die Wissenschaft stellt uns ja die Tiere anders vor als in der Vergangenheit – noch werden sich die Menschen darüber belehren lassen.

Der Tierethiker Tom Regan bezeichnet Tiere als »experiencing subjects of a life«, Subjekte ihres Lebens, die Erfahrungen machen. Das gilt auch für die Nutztiere, die zu Hunderten oder zu Tausenden in den Ställen leben. Demnach haben Tiere nicht mehr nur Bedarfe, sie haben Bedürfnisse. Eine gute Haltung ist somit mehr, als die Tiere satt und sauber zu halten.
Für die geänderten Anforderungen an gute Tierhaltung steht die Forderung nach dem Tierwohl. Kritiker bemängeln, Tierwohl sei nicht definiert und entsprechend wenig feste Kriterien gäbe es für die Verwendung des Wortes. Eine andere Sichtweise legt aber nahe: Das Wort hat so rasch und breit Wurzeln geschlagen, weil es etwas ausdrückt, wofür wir keine anderen Ausdrücke parat haben. In erster Linie steckt in Tierwohl eine Lehnübersetzung von »animal welfare«. »Tierschutz« wäre als Übersetzung falsch, weil dieser sich auf die Handlungen des Menschen bezieht, während Tierwohl auf den Zustand der Tiere abhebt, ihr mögliches »Wohlsein« oder »Wohlbefinden«.

»Tierliches Wohlbefinden« wäre eine treffende Übersetzung, ist aber zu unhandlich. Tierwohl schließt (wie Wohlbefinden) die subjektive Komponente des Erlebens der Tiere mit ein. Es passt deshalb zur hier skizzierten modernisierten Sicht auf Tiere: Sie sind Wesen, die individuelle Erfahrungen machen. Diese Dimension kann zwar bei Tierschutz mitgedacht sein, wird aber durch Tierwohl noch deutlicher ausgedrückt. Dass es methodisch außerordentlich schwer werden kann, diese subjektive »Innenwelt« von Tieren auszuloten, ändert nichts daran, dass sie für den angemessenen Umgang mit den Tieren eine Rolle spielt.

Ein akzeptables Maß an Tierwohl herzustellen, wird daher eine bleibende Aufgabe sein. Wobei jetzt keine Angabe kommt, wie dies aussehen soll. Sicher ist aber, dass es flächendeckend und ohne auffällige Ausnahmen geschehen muss. Sonst verfinstert sich das Bild von einer Branche mit schwarzen Schafen zum Bild einer schwarzen Branche. Wer die Kommentierung von Zuständen in der deutschen Nutztierhaltung in den Medien verfolgt, wird bemerken, mit welcher Selbstverständlichkeit tierschutzwidrige, zumindest nicht-tiergerechte Zustände als der Normalfall in den Ställen unterstellt werden.

Sonderfall Tierrechtler.

Es hat keinen Sinn, mit jenen über Tierschutz und Tierwohl zu diskutieren, die eine Nutzung von Tieren insgesamt und in all ihren Formen ablehnen. Dennoch könnte es sein, dass sich ihnen jetzt vermehrt jene anschließen, die andere, tiergerechtere Bedingungen – besonders für Nutztiere – anstreben, aber darin dauernd frustriert werden und nun zu einer radikaleren Lösung neigen.

Nebenbei bemerkt kann dies durchaus eine kleine Minderheit in der Gesellschaft sein und auch bleiben, und dennoch große Wirkung entfalten. Gerade mit Blick auf die Tiere leben wir ohnehin in einer mannigfaltig gespalteten, sehr weit polarisierten Landschaft von Meinungen und Ideologien. Unsere Gesellschaft ist gerade in der Frage nach dem, was uns Tiere bedeuten, ziemlich fragmentiert. Salopp gesagt: Während man sich in manchen Milieus wundert, wie man überhaupt in ein Schnitzel beißen kann, wundert man sich in anderen Milieus, wie man sich darüber wundern kann. Wohin die Reise geht, ist schwer auszumachen. Vielleicht wird man die aktuelle Lage als eine »Krise« im Wortsinne beschreiben können: Das griechische Wort krisis bedeutet Entscheidung. In der gegenwärtigen Situation könnte es sein, dass substanzielle und prüfbare Verbesserungen im Tierschutz ausschlaggebend sein werden: Beim hohen Rang, den viele Menschen den Tierschutzfragen mittlerweile beimessen, hängt die gesellschaftliche »license to operate« für die landwirtschaftliche Nutztierhaltung ganz wesentlich daran, welche plausiblen Antworten sie auf die skeptischen Anfragen formulieren kann. Landwirte müssen erklären, dass auch ihnen in der täglichen Arbeit das Wohl der Tiere am Herzen liegt und was sie dafür tun. Aus den genannten Gründen sind diese Antworten wichtig, in dem Maße, als das Thema Tiere insgesamt Relevanz für unsere Gesellschaft und ihre Akteure hat.

 

Quelle: DLG-Mitteilungen 1/2016

Prof. Dr. Peter Kunzmann,
AG Angewandte Ethik in der Tiermedizin,
Tierärztlich Hochschule Hannover

 

 

 

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